2017

20. Juli 2017

Die Begegnung mit der Zeit

Die Zeit ist ein sonderbares Ding. Alles Gastgewerbliche über Monate in fast unfassbare Weite gerückt wirft es mich, gerade auf der Hütte angekommen und selbige offiziell als geöffnet erklärt, sofort wieder in den Wirbel der tausend Tätigkeiten. Als ob ich nie weg gewesen wäre, gestern noch unvorstellbar. Postwendend sind die Erinnerungen an die zeitintensiven Vorbereitungen mit viel Schleppen und Organisation im Tal so gut wie vergessen.

Am Morgen unseres zweiten ersten Tages reißt mich kein ein aufgeregtes Da kimmt Oaner! aus den Träumen. Lediglich Martins gelassene Frage, was denn der gestern gebackene für ein Kuchen sei, lässt mich erahnen, was in der Gaststube vor sich geht. Richtig, es ist wieder Hermann, aus dem Dorf, der uns als erster früher Gast beehrt. Es ist 6.30 Uhr, strahlendschön.

Nun, die Saison ist schon ein wenig fortgeschritten, ist es so, als wäre ich nie weggewesen. Welches Jahr haben wir? Hat es eine Zeit abseits von Deckenfalten und Knödeldrehen überhaupt gegeben?

Die Zeit hierfür muss ich mir auch stehlen, schenken tut sie mir niemand. Schnell noch das Gulasch umgerührt, der Wecker, den Apfelstrudel nicht anbrennen zu lassen, tickt, bringe ich ein paar Zeilen aufs digitale Papier.

– So. Eine Kasknödelsuppe. Ich komme gleich wieder. –

Doch der Fairness und sozusagen auch unserer organisatorisch-logischen Ehrenrettung halber muss ich auch sagen, dass wir es geschafft haben, an unserem Zeitmanagement zu feilen. Heuer gibt’s für jeden einen freien halben Tag. Donnerstagvormittags bin ich am Berg, jawohl! Wenn ich Schritt für Schritt dem Gipfel näherkomme, wird nicht nur die Luft dünner, sondern auch meine Stimmung sonniger. Der Perspektivenwechsel zahlt sich aus. Auch wenn der Vormittag für Martin (ein wenig ;) stressiger ist als gewöhnlich – die Gesamtenergiebilanz für das Werken auf der Hütte wird eine positive sein!

Die Zeit heilt nicht nur alle Wunden, sie zahlt irgendwann einmal auch alles heim. Ja, das denke ich. Als ich Anfang zwanzig war und im dritten Sommer auf der Pfälzer Hütte in Liechtenstein, habe ich, ich muss es zu meiner Schande gestehen, den Dienst vorzeitig quittiert. Elfriede, die Hüttenwirtin hängen lassen. Und was passiert uns heute? Dasselbe, aber genau! Das nette Mädel aus der Verwandtschaft, mit dem ausgemacht war, dass es uns ein paar Tage Gesellschaft leistet und dabei ein wenig unter die Arme greift – sagt ab, und zwar aus denselben Gründen wie ich damals. Liebeskummer! Und auch das Hilfreiche wird zurückgegeben: Als ich damals auf Interrailtrip durch Spanien war, war ich froh, als mir die nette Wirtin meine beinahe vergessenen Dokumente und Kreditkarten vor meiner Abreise aushändigte. Heute bin ich es, die unter dem Kopfpolster Vergessenes durch halb Mitteleuropa versendet.

Vor zwei Tagen war Sepp hier. (Was praktisch ist: Es heißen hier viele Sepp. Wenn man einen Namen vergessen hat, versucht man’s einfach mal damit.) Er ist auf der Nachbarshütte aufgewachsen, jahrzehntelang verbrachte er die Sommer oben. Auch jetzt ist er am Berg aktiv, führt Gruppen. Er hat mich in einem bestätigt: Für ihn sind die schönsten Kindheitserinnerungen die an die Zeit auf der Hütte. Auch unsere Kinder sind immer selbstverständlicher hier, geerdet und motiviert. Meine mütterlichen Gewissensbisse (Stichworte „Langeweile“ und „Freibad“) haben sich relativiert. Sie backen Kuchen, den sie dann stolz servieren, suchen Kristalle, um die dann gefeilscht wird und perfektionieren ihre Brett- und Kartenspiel-Skills von Tag zu Tag. Die Zeit hier heroben wird sich auch bei ihnen und uns unauslöschbar in die Erinnerung schreiben.

 

 

 

2016

 

In unserem ersten Hüttensommer berichtete ich davon, wie es uns ergeht, wen wir kennenlernen, was wir dazulernen, wie wir uns einleben und was wir erleben.

Hier die Links zu den Texten auf www.bergwelten.com:

Begegnungen auf höchstem Niveau

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