2019

Die Begegnung mit den Tirolern (ODER: Die Metamorphose des Wanderers)

 

Alles ist im Fluss. Alles verändert sich. Auch ein Hüttengast verändert sich, macht oft eine Verwandlung durch im Laufe seines Aufenthalts.

 

Vor ein paar Tagen waren sechs Tirolerinnen hier. Vermutlich, weil sie selbst in ihrem Land allerorts mit Bergtourismus konfrontiert sind, stellen Tiroler hier heroben oft nicht gerade die kleinsten Ansprüche. Diese Beobachtung habe ich schon öfter machen müssen.

Als sie ankamen, waren sie, sagen wir, unrund. Ein Sonderwunsch jagte den nächsten, ich stets bemüht, neben dem Kochstress und allem anderen – es war gerade 17.30 und somit allerhöchste Zeit, das Abendessen für 45 auf Schiene zu bringen – sie nicht allzu schroff in die Schranken zu weisen. „Ja, freilich!“ „Ja, wenn du nur ein bisschen Geduld hast, gerne, bissi später eben!“ „Kein Problem, ja!“

Mir war schon klar, dass die emotionale Schieflage bei ihnen auf die eben hinter sich gebrachte Anstrengung, auf Hunger und Durst zurückzuführen war. Dennoch verlangte es mir einiges ab: Stadium I .

 

Beim Abendessen also, dankenswerterweise hatten ihnen andere Hüttenbesucher Pole-Position-Plätze an der Bar überlassen, denn die Getränke muss man sich ja auch noch selbst holen bei uns (oder eben nicht!, wie sie das sahen), kalmieren sich die Gemüter ein wenig. Einmal Menü, einmal ein bisschen weniger, einmal ein bisschen mehr, einmal vegetarisch, dazu ein Achterl, da werden die Blicke schon etwas weniger skeptisch: Stadium II .

 

Das Allernötigste abserviert in beiden Gasträumen (schließlich gibt es auch noch circa 40 andere Gäste), beschließe ich, eine kleine Gerade-extra-Freundlichkeitsoffensive zu starten: Haselnussschnaps für die Damen, Williams für die Herren. Klar, etwas Geschmacks-Klischee, aber ich scheine ins Schwarze zu treffen. Alle freuen sich. Auf Nachfrage erfahre ich Persönliches, schließlich eint uns ja auch die regionale Herkunft, das verbindet: Stadium III .

 

Anderntags staune ich nicht schlecht, als der ehemals Grantigste der Runde schon fast zu einem Bussi-links-Bussi-Rechts ansetzt bei der Verabschiedung, so vertraut scheine ich ihm geworden zu sein: Stadium IV .

 

Mit dem Wissen um die möglichen Entwicklungsstadien des Hüttengastes lebt es sich bedeutend besser als Hüttenwirtin.

Manchmal müssen die Gäste natürlich auch die verschiedenen Stadien der Wirtinnen-Metamorphose über sich ergehen lassen...

2018

Die (Wieder-)Begegnung mit der anderen Welt

Aller guten Dinge sind drei, so sagt man. Jedem Wieder-Wiederanfang sollte demnach ein gewisser Zauber innewohnen. Und tatsächlich: Die heurige dritte Saison hier heroben, 2018, lässt sich geschmeidiger an als die vorhergehenden. Wie in ein zweites Leben tauche ich ein hier heroben, wo alles reduziert und somit intensiviert ist. Der Horizont ist beschränkt auf die Perlenkette von Gabler, Reichenspitze, Zillerspitze, Richterspitze, Spaten, Schwarze Wand, Rainbachtalkopf, Warze, die markante Felsformation bei der Winbachscharte.

Der abendliche Spaziergang, machbar in Anfangs- und Endphase der Saison oder bei Schlechtwetter, führt mich zu unserem kleinen See, weiter vorbei an Altschneefeldern und PKW-großen Felsbrocken. Durch ein Meer aus Stein, teils überwachsen, teils wie frisch zusammengewürfelt bahne ich mir meinen Weg. Es hat etwas Meditatives, muss ich doch voll konzentriert sein um abzuschätzen, ob der Tritt vertretbar ist oder alles ins Rollen kommen wird.

Und so bin ich also in meinem zweiten Leben ein drittes Mal angekommen. (Und wer begrüßte uns wieder frühmorgens am ersten offiziellen Öffnungstag?! Aufmerksame wissen es: Hermann!)

Nicht nur das Wetter, auch die Stimmung „an Bord“, die Abläufe in Küche und bei Übernachtungen, die Gespräche mit den entspannten Gästen – alles (zumindest das Allermeiste) verlief bislang wie man sich das als Wirtin wünscht. Wie anders war es letztes Jahr!

 

Vergleichbar mit einer Theaterproduktion nämlich bewahrheitete sich letztes Jahr das nirgends niedergeschriebene und dennoch in Stein gemeißelte Vorurteil, dass das zweite Mal - die Vorstellung folgend auf die Premiere - wenn schon nicht total verpatzt so doch zumindest chaotisch und für Viele unbefriedigend sein muss.

Wöchentlich, teilweise beinahe täglich gab es letztes Jahr Gewitter, jedes Mal wie das Amen im Gebet begleitet von einem Ausfall unseres Wasserkraftwerks. Das wiederum bedeutete, dass Martin tagelang am Einlauf desselben beschäftigt war, mittels persönlicher Muskelkraft das Werk wieder in Gang zu bringen - den Wassereinlauf von Tonnen von Schotter zu befreien. Zugesagte Hilfe für den Gastbetrieb hatte abgesagt, dementsprechend war ich über weite Strecken allein mit der Bewirtung betraut, Martin komplett erledigt, wenn er sich durchnässt wieder zur Hüte zurück geschlagen hatte. Meist hatte er gute Nachrichten, meist funktionierte das Werk dann wieder – dank seiner Sturheit gab er nie auf, bevor alles erledigt war, auch wenn er dann erledigt war. Das nur als Beispiel. Generell hatten wir fast unzählige technische Gebrechen, bis hin zum leckenden Dach.

Heuer, also im „guten Ding“ Nummer drei, bekam die Richterhütte gleich zu Beginn der Saison ein funkelndes neues schönes Schindeldach, das uns nun schön trocken hält. Auch vor übermäßig vielen und heftigen Gewittern und den damit in Verbindung stehenden Stromausfällen wurden wir dieses Jahr verschont, ein paar Mal, okay, aber damit lässt sich inzwischen leben. Auch die vereinbarten Hilfen kamen verlässlich und mit übervoller Kraft (Danke an euch!!!), Dora und Rian sind nun größer und immer noch wertvollere Mitarbeiter, ja, insgesamt geht alles runder. Das dritte Mal eben!

 

2017

Die Begegnung mit dem Déjà-vu

Die Zeit ist ein sonderbares Ding. Alles Gastgewerbliche über Monate in fast unfassbare Weite gerückt wirft es mich, gerade auf der Hütte angekommen und selbige offiziell als geöffnet erklärt, sofort wieder in den Wirbel der tausend Tätigkeiten. Als ob ich nie weg gewesen wäre, gestern noch unvorstellbar. Postwendend sind die Erinnerungen an die zeitintensiven Vorbereitungen mit viel Schleppen und Organisation im Tal so gut wie vergessen.

Am Morgen unseres zweiten ersten Tages reißt mich kein ein aufgeregtes Da kimmt Oaner! aus den Träumen. Lediglich Martins gelassene Frage, was denn der gestern gebackene für ein Kuchen sei, lässt mich erahnen, was in der Gaststube vor sich geht. Richtig, es ist wieder Hermann, aus dem Dorf, der uns als erster früher Gast beehrt. Es ist 6.30 Uhr, strahlendschön.

Nun, die Saison ist schon ein wenig fortgeschritten, ist es so, als wäre ich nie weggewesen. Welches Jahr haben wir? Hat es eine Zeit abseits von Deckenfalten und Knödeldrehen überhaupt gegeben?

Die Zeit hierfür muss ich mir auch stehlen, schenken tut sie mir niemand. Schnell noch das Gulasch umgerührt, der Wecker, den Apfelstrudel nicht anbrennen zu lassen, tickt, bringe ich ein paar Zeilen aufs digitale Papier.

– So. Eine Kasknödelsuppe. Ich komme gleich wieder. –

Doch der Fairness und sozusagen auch unserer organisatorisch-logischen Ehrenrettung halber muss ich auch sagen, dass wir es geschafft haben, an unserem Zeitmanagement zu feilen. Heuer gibt’s für jeden einen freien halben Tag. Donnerstagvormittags bin ich am Berg, jawohl! Wenn ich Schritt für Schritt dem Gipfel näherkomme, wird nicht nur die Luft dünner, sondern auch meine Stimmung sonniger. Der Perspektivenwechsel zahlt sich aus. Auch wenn der Vormittag für Martin (ein wenig ;) stressiger ist als gewöhnlich – die Gesamtenergiebilanz für das Werken auf der Hütte wird eine positive sein!

Die Zeit heilt nicht nur alle Wunden, sie zahlt irgendwann einmal auch alles heim. Ja, das denke ich. Als ich Anfang zwanzig war und im dritten Sommer auf der Pfälzer Hütte in Liechtenstein, habe ich, ich muss es zu meiner Schande gestehen, den Dienst vorzeitig quittiert. Elfriede, die Hüttenwirtin hängen lassen. Und was passiert uns heute? Dasselbe, aber genau! Das nette Mädel, mit dem ausgemacht war, dass es uns ein paar Tage Gesellschaft leistet und dabei ein wenig unter die Arme greift – sagt ab, und zwar aus denselben Gründen wie ich damals. Liebeskummer!

Auch das Hilfreiche wird heimgezahlt: Als ich damals auf Interrailtrip durch Spanien war, war ich froh, als mir die nette Wirtin meine beinahe vergessenen Dokumente und Kreditkarten vor meiner Abreise aushändigte. Heute bin ich es, die unter dem Kopfpolster Vergessenes durch halb Mitteleuropa versendet.

Vor zwei Tagen war Sepp hier. (Was praktisch ist: Es heißen hier viele Sepp. Wenn man einen Namen vergessen hat, versucht man’s einfach mal damit.) Er ist auf der Nachbarshütte aufgewachsen, jahrzehntelang verbrachte er die Sommer oben. Auch jetzt ist er am Berg aktiv, führt Gruppen. Er hat mich in einem bestätigt: Für ihn sind die schönsten Kindheitserinnerungen die an die Zeit auf der Hütte. Auch unsere Kinder sind immer selbstverständlicher hier, geerdet und motiviert. Meine mütterlichen Gewissensbisse (Stichworte „Langeweile“ und „Freibad“) haben sich relativiert. Sie backen Kuchen, den sie dann stolz servieren, suchen Kristalle, um die dann gefeilscht wird und perfektionieren ihre Brett- und Kartenspiel-Skills von Tag zu Tag. Die Zeit hier heroben wird sich auch bei ihnen und uns unauslöschbar in die Erinnerung schreiben.

 

 

 

2016

 

In unserem ersten Hüttensommer berichtete ich davon, wie es uns ergeht, wen wir kennenlernen, was wir dazulernen, wie wir uns einleben und was wir erleben.

Hier die Links zu den Texten auf www.bergwelten.com:

Begegnungen auf höchstem Niveau

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